Zwischen Wasserbad und Zweifel: Meine holprigen Anfänge in der Cyanotypie

Mein Weg ins Blau – Meine ersten Schritte mit der Cyanotypie

Bestimmt Versuch 30+
Manche Dinge beginnen mit einem Moment, der zunächst unscheinbar wirkt. Eine Kaffeestunde in Jena zum Beispiel. Wir saßen zusammen, sprachen über Fotografie, Papier, Licht – und irgendwann lag da dieses beschichtete Blatt im Wasser. Langsam begann sich das Bild zu entwickeln. Erst zaghaft, dann immer intensiver. Dieses tiefe Blau, das sich Stück für Stück aus dem Papier löste, hatte etwas fast Meditatives. Ich stand daneben und sah zu.

Und wusste in diesem Moment: Das will ich selbst können.

Als ich später nach Hause fuhr, hatte ich zwei Cyanotypien im Gepäck, die wir gemeinsam erstellt hatten. Aber eigentlich nahm ich etwas anderes mit – den Wunsch zu verstehen, wie dieses Blau entsteht.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Meine ersten Schritte würden alles andere als elegant verlaufen.

Die Vorstellung vom perfekten Anfang

In meiner Vorstellung war der Ablauf klar.
  1. Papier beschichten.
  2. Negativ auflegen.
  3. Unter UV-Licht belichten.
  4. Auswaschen.
Und dann dieses satte, leuchtende Preußischblau. Also bestellte ich am nächsten Tag die Chemikalien, besorgte Aquarellpapier und eine UV-Lampe. Zu Hause richtete ich mir eine kleine Arbeitsecke ein.
Als das Paket ankam, fühlte ich mich tatsächlich ein wenig wie ein Kind an Weihnachten. Zwei kleine Fläschchen – unscheinbar, aber voller Versprechen. Ich las die Anleitung mehrfach, wog sorgfältig ab und dosierte konzentriert. Ich wollte alles richtig machen. Der Moment, vor dem ich am meisten Respekt hatte, war das Beschichten.

Der erste klägliche Versuch
Der erste Versuch

Ich hatte unterschätzt, wie viel Gefühl in diesem Schritt steckt. Wie gleichmäßig muss der Auftrag sein?
Wie viel Druck verträgt das Papier? Mein erster Bogen war … sagen wir: ambitioniert.
Die Lösung lag sichtbar ungleichmäßig auf dem Papier. Manche Stellen glänzten feucht, andere wirkten fast trocken.
Ich ließ alles trocknen, legte mein vorbereitetes Negativ auf und stellte das Ganze unter meinen improvisierten UV-Aufbau. Dann begann das Warten. Als ich das Blatt schließlich ins Wasser legte, war ich leicht angespannt. Kurz erschien ein Hauch von Blau. Und dann verschwand er wieder. Das Bild löste sich im Wasser auf, als hätte es nie existiert.

Zweiter Versuch. Neue Hoffnung.

Vielleicht war die Belichtungszeit zu kurz gewesen. Beim zweiten Versuch arbeitete ich sorgfältiger. Ruhiger. Die Belichtung verlängerte ich gleich um mehrere Minuten. 
Der zweite Versuch


Im Wasserbad erschien das Bild tatsächlich deutlicher. Linien waren erkennbar, Formen sichtbar.
Doch während ich zusah, begann alles langsam zu verblassen. Kontraste verschwanden, Flächen wurden grau. 
Ich stand über der Wanne und starrte auf das Papier, als könnte ich das Ergebnis festhalten. Wieder zu kurz belichtet. 
Was mich besonders irritierte: Vor dem Auswaschen sah alles vielversprechend aus. Dieses grünlich-gelbe Bild während der Belichtung täuschte mich komplett. Erst langsam begriff ich: Bei der Cyanotypie sieht man das eigentliche Ergebnis erst ganz am Ende. Bis dahin arbeitet man ein Stück weit im Vertrauen.

Wenn Frust Teil des Prozesses wird

Versuch 5
Die nächsten Tage bestanden aus Versuchen. Viele davon zu blass. Ein Negativ legte ich einmal sogar verkehrt herum auf. Das Ergebnis war entsprechend unscharf und sah eher nach Unfall als nach Kunst aus. Und dann gab es diesen einen Nachmittag, an dem einfach nichts funktionieren wollte. Bogen um Bogen. Blass. Kontrastarm. Leblos.
Später saß ich vor meinem Computer, die misslungenen Drucke vor mir, und fragte mich ernsthaft, ob ich mir das Ganze nicht zu einfach vorgestellt hatte.

Kontrolle loslassen

Was mich an der Cyanotypie am meisten herausfordert, ist der Kontrollverlust. Ich komme aus einem digitalen Workflow. Dort lässt sich fast alles korrigieren. Belichtung, Kontrast, Farben – ein paar Klicks, und man probiert eine neue Variante.

Hier funktioniert das nicht.
Irgendwas ist richtig schiefgelaufen

Hier spielen Licht, Papier, Chemie und manchmal sogar das Wasser zusammen. Und keines dieser Elemente verhält sich immer exakt gleich.
Einmal probierte ich eine andere Papiersorte – etwas schwerer, etwas teurer. Das Blau wirkte plötzlich stumpfer, fast matt. Es waren nur Nuancen. Aber sie veränderten das Bild.

Langsam begann ich zu verstehen: Cyanotypie ist kein Prozess, den man vollständig kontrollieren kann.

Man kann ihn vorbereiten. Man kann ihn begleiten. Aber man muss ihm auch Raum lassen.

Die ersten Durchbrüche

Zwischen all den Fehlversuchen gab es immer wieder diese kleinen Momente, in denen plötzlich etwas funktionierte. Ein Blatt mit einem Blau, das endlich Tiefe hatte. Ein Motiv, das durch die Reduktion auf Blau und Weiß stärker wirkte als im Original.
Getönt mit schwarzem Tee – warme Braun- und Blautöne

Ich erinnere mich besonders an einen Druck, den ich aus dem Wasser zog und sofort spürte: Das ist anders. Die Konturen waren klar. Das Blau satt. Die hellen Flächen ruhig. Ich hielt das noch nasse Papier in den Händen und musste lächeln. Nicht, weil es perfekt war. Sondern weil ich merkte, dass ich langsam verstand, was ich tat.

Die Schönheit der Unvollkommenheit

Was mich anfangs fast zur Verzweiflung brachte, ist inzwischen etwas, das ich sehr schätze. 
Die leicht dunkleren Ränder vom Pinselauftrag. Feine Tonwertunterschiede. Spuren, die das Wasser hinterlässt.

Kein Blatt gleicht dem anderen.

Selbst wenn ich dasselbe Motiv zweimal belichte, wird es nie identisch. Früher hätte mich das gestört. Heute sehe ich darin den eigentlichen Reiz.
Cyanotypie zwingt mich, langsamer zu arbeiten und bewusster auszuwählen, welche Bilder ich überhaupt drucken möchte. Nicht jedes Motiv funktioniert in dieser Reduktion, auch dass musste ich feststellen. Aber die, die funktionieren, wirken plötzlich klarer.

Getönt mit schwarzem Tee mit sichtbaren Pinselspuren
Mein Blau

Fast fünf Tage habe ich gebraucht, um meine ersten Fehler wirklich zu verstehen. Heute fühlt sich ein gelungenes Cyanotypie-Blatt in meinen Händen völlig anders an als ein digitaler Print. Es hat eine Oberfläche, eine Struktur – manchmal sogar kleine Makel. 
Meine Anfänge waren holprig. Voller Fehlbelichtungen und grauer Ergebnisse. Aber sie waren auch ehrlich.
Und sie haben mir etwas gezeigt, das ich aus der digitalen Welt fast vergessen hatte:
Das schönste Blau entsteht selten beim ersten Versuch. Es entsteht nach vielen zu hellen Blättern.
Nach vielen grauen.

Und jedes einzelne davon gehört zu meiner Geschichte.

MW


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